strangers waiting

1:02.
Das Fenster steht weit offen.
Der Wind weht hinein und sorgt für ein bisschen Erfrischung.
Die Fremden halten sich im Arm.
Ein Mädchen hat die Augen geschlossen und wartet auf den Schlaf.
Ein Junge starrt in die Nacht und wünscht sich, dass die Sekunden nicht mehr wie Stunden vergehen.
„Ich mache mir Sorgen.“
Ein Satz, der die Stille zerschneidet. Eine Stille, die überall ist und ihnen auf den Brustkorb drückt. Ein Druck, der ihnen das Atmen schwer macht.
Sie reagiert nicht. Sie atmet und existiert und das ist schon genug Arbeit für eine Nacht.
Eine Nacht neben einem Fremden.
„Ich mache mir Sorgen.“
Und dann wieder Stille. Unangenehm, kühl, verletzend, schmerzvoll.
Sie gibt keine Antwort. War da überhaupt eine Frage? Da waren nur Fakten. Fakten, die auf ihren Kopf einschlugen, als würde man sie mit Büchern bewerfen.
Er würde sie so gern mit Büchern bewerfen. Mit Büchern, die sie hasst. Weil er sie hasst.
Aber halt.
Fremde hasst man nicht. Fremde kennt man nicht. Fremde … sind nicht da. Fremde sind anders, Fremde sind woanders.
Aber sie ist da.
Aber er ist da.
Zwei Fremde halten sich fest und klammern sich an schöne Erinnerungen, die es nicht gibt.
Die es mal gab. Vielleicht.
Irgendwann haben sie sich voneinander verabschiedet. Ohne es einander zu sagen und ganz und gar ohne Absicht haben sie ihre Verbindung gekappt. Wann, warum, wo. Offene Fragen, deren Antworten mit der Verbindung verschwunden sind.
Und nun sind sie zurückgeblieben, ohne Antworten und ohne Verbindung.
Sie sind beide da.
Er ist da.
Sie ist da.
1:03.
„Es tut mir Leid.“
Mehr sagt sie nicht.
Jetzt schweigt er und schließlich schließt sie den Mund, aus dem noch so viele Worte kommen sollten, aber da ist nichts. Alles haben sie gesagt.
Fremde haben sich nichts zu sagen. Fremde kennen sich nicht. Fremde liegen nicht nebeneinander.
Sie kennen sich nicht. Wollen sich nicht kennen. Nicht mehr.
Aber sie bleiben liegen und sich fremd.
1:04.
Nichts ändert sich.
Fremd. Fremd. Fremd.
Irgendwann schlafen beide ein.

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Über colorthistown

Mag Literatur und bunte Sachen. Schreibt über Bücher und manchmal eigene Geschichten.
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3 Antworten zu strangers waiting

  1. DavidB schreibt:

    Bedrückend. Da kann ich ja froh sein, dass ich bisher immer nur neben Freunden einratzen musste nach langen, amüsanten oder tiefsinnigen (als ob) Gesprächen.

    Sind die beiden ein Pärchen und sie ist einfach noch nicht bereit? Vermutlich ist der Text darauf ausgelegt, mehrere Interpretationen zu ermöglichen, oder?

    • colorthistown schreibt:

      Ich denke, dass die beiden ein Paar sind, aber keiner von beiden die Kraft hat, wirklich aufzugeben, obwohl es doch für alle offensichtlich ist, dass da nichts mehr ist. Aber ich interpretiere meine Texte ja selbst gern jedes Mal aufs Neue und lese was anderes rein.
      Wie würdest du es denn verstehen? (Neugierig #likeaBiene)

  2. Clara schreibt:

    Wie man mit so wenigen Worten so viel sagen kann. :)
    Danke, dass du meine Vorstellungskraft mit diesen Texten immer wieder aufs Neue weckst. :)

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